Jule Aretz

Yoga für Kinder & Jugendliche

Veröffentlicht von Jule Aretz | 9. Januar 2020

Du liegst entspannt auf dem Rücken, fühlst den warmen Sand unter Dir. Deine Augen sind geschlossen, Du spürst die Wärme der Sonnenstrahlen auf Deinem ganzen Körper. Es ist schön, einfach so hier zu liegen und nichts zu tun. Du riechst die salzige Luft, Du hörst das Rauschen des Meeres, wie die Wellen brechen. Dein Körper sinkt immer tiefer in den Sand …“

Um mich herum im Halbkreis liegen Mädchen und Jungen im Alter zwischen 8 und 11 Jahren – auf ihrer Yogamatte. Ich höre ihre ruhige Atmung, sehe ihre entspannten Körper und Gesichter. Die Kinder und ich „tauchen“ zum Beginn der Stunde erstmal gemeinsam ab.

In der heutigen Stunde werden wir später noch zusammen eine Insel erkunden, Palmen sehen, ein Boot bauen, Delphinen und Schildkröten begegnen; wie genau unser Abenteuer weiter geht, hängt vor allem von der Phantasie der Kinder ab, denn Kinderyoga basiert auf der Idee der Partizipation der Kinder. Ich gebe mit dem gewählten Thema und den einzelnen Asanas nur einen Rahmen für die Stunde vor.

Im Kinderyoga wird die eigene Körperwahrnehmung gefördert

Als Kinderyogalehrerin initiiere ich Prozesse, lasse den Kindern aber Raum. Das sieht in der Praxis so aus, dass ich den Kindern sage, dass ich an unserem schönen Strand als erstes Palmen sehe und ihnen eine Variante des Baums (Vrksasana) zeige. Die Kinder imitieren die Körperhaltung und probieren diese aus. Was wir noch auf unserer Insel entdecken können, hängt stark von den Ideen der Kinder ab. Die Kinder schlagen hierzu Körperhaltungen vor, die wir zusammen ausprobieren. Dabei kann dies die klassische Lehrbuchausrichtung einer Asana sein, es muss aber nicht so sein. Letztendlich geht es vor allem darum, die eigene Körperwahrnehmung zu fördern.

Dass sich (meine) Kinder für Yoga interessieren ist mir schon während meiner Vinyasa Yogalehrerausbildung aufgefallen. Sie imitieren Asanas, die sie bei mir auf der Matte sehe und sie fragen nach, wenn Yogabücher auf dem Tisch liegen:

  • Was ist Yoga?
  • Wozu macht man denn Yoga? Wozu macht man diese spezielle Übung?
  • Kann ich Yoga auch (mit)machen?
Vorbereitung für Kinderyoga
Vorbereitung für eine Kinderyogastunde im Yoga Individual Studio Aachen

Worin unterscheidet sich eine Kinderyoga-Stunde von einem klassischen Yogakurs?

Die Fragen meiner Kinder habe ich zum Anlass genommen, eine Grundausbildung zur Kinderyogalehrerin zu machen. Hier habe ich gelernt inwiefern sich Kinderyoga vom Unterrichten eines Yogakursformats für Erwachsene unterscheidet:

  • Wie ist eine Kinderyogastunde aufgebaut?
  • Wie wirken Asanas bei Kindern und Jugendlichen?
  • Was sind do’s und dont’s?

Neben dem Wissen, wie ich Kinderyogastunden für verschiedene Altersgruppen konzipiere und unterrichte, habe ich auch Wege kennengelernt, Yoga im Alltag von Kindern und Jugendlichen zu integrieren. Dieses Wissen kann ich privat für meine eigenen Kinder, aber auch in meinem Beruf als Lehrerin nutzen.

Im Kinderyoga wird die Kreativität und Phantasie der kleinen Yogis genutzt

Kinderyoga profitiert nicht nur von der Tatsache, dass Kinder wissbegierig und neugierig sind. Kinder sind auch offen und lassen sich wesentlich einfacher und vorbehaltloser als Erwachsene auf neue Erfahrungen ein. Sie agieren emotional, spontan, impulsiv und authentisch. Diese Attribute werden im Kinderyoga sinnvoll genutzt. Ebenso wie auch die Kreativität und Phantasie der Kinder.

Kreative Elemente sind im Kinderyoga sehr wichtig
Kreative Gestaltung der Kinderyogastunde: Eine Reise ins Weltall

Zentrale Unterscheidungsmerkmale zu anderen Bewegungsangeboten für Kinder sehe ich darin, dass Yoga nicht den Gedanken des Leistungsprinzips in den Mittelpunkt stellt. Kinder konkurrieren hier nicht untereinander. Sie lernen, dass Yoga ohne Vergleich und Bewertung auskommt und jeder für sich praktiziert, den anderen lässt und diesem somit das gleiche Recht zugesteht. Folglich dürfen Kinder im Yoga einfach sie selbst sein, sich selbst ausprobieren, sich anstrengen, aber auch einmal Pause machen und entspannen. So können sie sich selbst und ihre Bedürfnisse besser kennenlernen. Sie lernen ihren Blick nach Innen zu richten. Verstärkt wird das durch Übungen zur Atemwahrnehmung, dem Einüben von Pranayamatechniken, durch Meditation und Entspannung (Shavasana).

In ihrem Artikel „Brauchen Kinder Yoga“ beschreibt Sandra Walkenhorst ausführlich die positive Wirkungsweise von Kinderyoga. Sie wählt in diesem Kontext folgende sehr schöne und stimmige Formulierung: „Kinder sind Yoga!“.

Asanapraxis in Kinderyogastunden

Für die Asasanapraxis bei Kindern ist es wichtig, zu berücksichtigen, dass sich der kindliche Körper noch im Wachstum befindet und sich vom Körper eines erwachsenen Yogis unterscheidet. Somit sollten Asanas im Vergleich weniger lange gehalten werden (Intensität) und nicht so häufig wiederholt werden (Frequenz).

Zudem ist die kindliche Aufmerksamkeitsspanne geringer und der Bewegungsdrang größer. Auch daher sollten vergleichsweise schnellere Wechsel zwischen Yogapositionen erfolgen, sowie aktives Spielen und Bewegung in die Yogapraxis integriert sein.

Nach solchen Phasen der Aktivität können sich Kinder übrigens besonders gut auf Phasen der Ruhe und Entspannung einlassen.

Einige wenige Asanas sind für Kinder nicht geeignet. Dazu gehört beispielswiese der Kopfstand (Shirasana). Die Liste der Kontraindikationen für diese Asana ist schon für den erwachsenen Yogi lang. Darüber hinaus kommt bei Kindern unter 10 Jahren noch hinzu, dass sie nicht über die notwendige Muskelkraft verfügen, um diese Übung überhaupt richtig praktizieren/halten zu können.

Materialien für die Kinderyogastunde
Materialien für Kinderyogastunden & Feedbacksammlung

Bevor Eltern mit ihrem Kind auf die Matte gehen, sollten sie sich ausreichend informieren. Es gibt zu diesem Thema mittlerweile viele informative Bücher, Videos und Blogs. Bei Kursen in Einrichtungen oder Studios sollte man darauf achten professionelle Kinderyogaangebote zu wählen. Dann kann Yoga wirklich für jedes Kind bereichernd sein!

Nach dem aufregenden Tag auf unserer Insel sitzen wir gemütlich am Lagerfeuer. Wir schweigen und genießen die Wärme des Feuers. Unser Blick ist nur auf die Flamme gerichtet…“

Kerzenmeditation
Kinderyoga mit Kerzenmeditation als entspannter Abschluss zum “Inselabenteuer”

Die Kinder und ich sitzen im Schneidersitz nebeneinander im Kreis. Wir beenden unser Inselabenteuer mit einer Kerzenmeditation (Kerzentraktat), singen ein Om und verabschieden uns mit einem Namaste – ganz wie die „Großen“!

Jule Aretz hat ihre Vinyasa Yogalehrerausbildung bei Yoga Individual absolviert und ist außerdem Kinderyogalehrerin.