Nadine Wiesner

Yogalehrer

Die Vinyasa Yogalehrerausbildung – ein persönlicher Erfahrungsbericht

Veröffentlicht von Nadine Wiesner | 13. Februar 2020

Die Entscheidung zur Teilnahme an der 200-stündigen Vinyasa Yogalehrerausbildung bei Yoga Individual habe ich zunächst ganz für mich alleine getroffen. Von Beginn an, war das das große Geschenk an der Sache: Ich mache etwas nur für mich! Wann erlauben wir uns schon einmal den Luxus, uns so klar für uns selbst zu entscheiden?

Fragen wie „Ja willst Du denn dann unterrichten? Gibst Du dann deinen Job auf? Machst Du Dich dann selbstständig?“ waren nur ein paar der Reaktionen, wenn ich mein Vorhaben geteilt habe. Vielen Menschen fällt es in der heutigen Zeit scheinbar schwer zu verstehen, dass der Weg das Ziel sein kann. Und ganz ehrlich, zu diesem Zeitpunkt wusste ich nicht einmal sicher, ob ich einmal unterrichten möchte. Was ich wusste war, das Yoga mir guttut, dass das Yoga Individual Studio ein Wohlfühlort für mich ist und ich einfach mehr über diese „Magie des Yoga“ erfahren wollte. Und natürlich bin ich zu diesem Zeitpunkt noch davon ausgegangen, dass ich nach der Ausbildung locker auf den Händen durchs Studio laufe und meine Fitness ihren bisherigen Höhepunkt erreicht. Rückblickend spannend, wie sehr die Dinge sich gewendet haben…

Der Zauber des Anfangs – „Hilfe, wir haben Körper“

Die Vorfreude auf das erste Wochenende war riesig – der Titel „Der Zauber des Anfangs“ hätte nicht treffender sein können. Irgendwie fühlte es sich wie ein erster Blick hinter die Kulissen des Studios an. Trotzdem war es zugleich noch unvorstellbar, dass wir einmal selbst auf der Lehrermatte sitzen sollten. Unsere Gruppe hat unglaublich schnell zueinander gefunden, da hat es kaum Eisbrecher gebraucht. Schnell war klar, dass uns Leidenschaft und Humor durch die Ausbildung begleiten werden. Klar, jeder von uns ist auf seinem eigenen Weg, seiner eigenen Matte und trotzdem spielt die Gruppendynamik ja eine tragende Rolle in so einer Ausbildung. Wir hatten stets einen sehr offenen Raum, in dem jeder ganz er selbst sein konnte.

Tina hat uns zu Beginn erklärt, dass wir in der Ausbildung recht „grobstofflich“ starten und mit der Zeit immer „feinstofflicher“ werden. Zu diesem Zeitpunkt war mir noch nicht klar, wie dieser Weg aussehen würde – manches muss man auch einfach in dieser Zeit auf sich zukommen lassen. Was wir schnell verstanden haben ist, dass „grobstofflich“ Asanaarbeit bedeutet, viel Asanaarbeit (!) und somit wurde unsere Muskelkater nicht zum letzten Mal zusammengefasst mit „Tina, wir haben heute Körper“.

Die Ausbildungsgruppe in Shavasana

Spaß beiseite. Zu verstehen und zu sehen, wie unterschiedlich unsere Körper in den einzelnen Yoga Haltungen aussehen war ein erster wichtiger Schritt für mehr Verständnis von Individualität im Yoga. Meine Sichtweise auf den menschlichen Körper und die Unterschiede in unserer persönlichen Anatomie haben sich durch die Ausbildung überhaupt erst entwickelt. Die späteren Assistenzen im Ausbildungsverlauf sind hierbei ebenfalls eine wertvolle Erfahrung. Allein wie vielfältig der “herabschauende Hund“ in den Unterrichtsklassen aussieht ist unglaublich spannend zu beobachten. Zudem haben wir durch die Asanaarbeit mehr Körpergefühl entwickelt. Wer sich schon immer gefragt hat, was „das Steißbein nach hinten unten ziehen“ oder „Außenrotation des Oberschenkels“ bedeutet, der findet im Rahmen der Vinyasa Yogalehrerausbildung Antworten.

Die Rolle des Lehrers – „Wenn ich das gewusst hätte“

Mir war vor der Vinyasa Yogalehrerausbildung nicht bewusst, wie viel Wissen und Liebe zum Detail in einer 90-minütigen Yogaklasse stecken. Mein Respekt für die Arbeit der Yogalehrer im Studio hat sich über die Zeit grundlegend verändert. Laut Lehrbuch sollte die Klasse einen anatomischen sowie spirituellen roten Faden haben und das sogenannte „Sequencing“ einer Yogaklasse erfordert anatomisches Wissen und detaillierte Vorarbeit! Den „Raum“ in einer Yogastunde über Duft, Musik und Licht zu kreieren, gehört dabei ebenso dazu, wie eine gut hörbare, tragende Stimme und das „adjusten“ (assistieren) der Schüler.

Wie soll ich das bitte alles gleichzeitig bewerkstelligen? Dabei möglichst noch entspannt wirken und die richtigen Ansagen finden? Als wir untereinander das erste Mal einen Sonnengruß unterrichten sollten, hielt ich das für unmöglich. Wann sollen die Schüler noch mal einatmen, wann ausatmen? Und wann mache ich am besten mit, beziehungsweise wann löse ich mich von meiner Matte? Zu all diesen Themen haben wir im Rahmen der Ausbildung Hilfestellungen erhalten. Sprachtraining, Tips fürs Sequencing, Tage voller Assists und Anatomiewissen sowie der Austausch mit allen Lehrern im Yogastudio, sind nur ein Teil des Gesamtbildes.

Zugegeben, ich würde heute nicht sagen, dass ich eine 90 Minuten Klasse locker aus dem Ärmel schüttele und mich dabei völlig entspannt fühle. Aber seit dem ersten Sonnengruß sind zahlreiche Übungssequenzen vergangen und man gewinnt von Mal zu Mal mehr Sicherheit. Der Sprung jedes Einzelnen vom ersten Ansagen bis zur Abschlussklasse ist einfach enorm und letztlich macht die Detailarbeit beim Gestalten eines Kurses genau den Reiz des Yogaunterrichts aus. Üben und Erfahrungen sammeln stehen jetzt auf dem Programm.

Die Intensivwoche – „Vom Lachen und Weinen“

Im Laufe der Ausbildung wächst das Bedürfnis mehr Zeit für Yoga zu haben. Vollkommen normal, schließlich bekommt man so viel Input und Einblicke in Themen, da möchte man einfach tiefer einsteigen. Eine Woche voller Yoga war für viele von uns purer Luxus und ein wenig Klassenfahrt-Feeling gehörte bei der Vorfreude ebenso dazu.

„Die Intensivwoche ist was ganz Besonderes. Da macht ihr alle noch mal einen wahnsinnigen Sprung“, hörte ich von den Teilnehmern der vorherigen Vinyasa Yogalehrerausbildung. Auf dem Programm standen „Adjustments“, Energielehre und Ayurveda. Da war es, das feinstoffliche Arbeiten: Koshas, Chakren, Nadis – ich persönlich hatte das Gefühl, in dieser Woche so richtig in die Yogalehre einzusteigen. Theorie, Praxis und ayurvedische Küche bestimmten unseren Wochenrhythmus und die Gruppe rückte noch einmal enger zusammen. Wir haben unglaublich viel gelacht (ja auch getanzt) und gleichzeitig sind wir an tieferliegende Themen gestoßen, die jedem von uns früher oder später auf der Matte begegnen. In dieser Woche habe ich rückblickend verstanden, wie allumfänglich Yoga sein kann. Ich habe verstanden, dass Yoga mehr ist als Asanas auf der Matte zu praktizieren und dass es viele Wege gibt, um Yoga in seinen Alltag zu integrieren.

Mein Yoga – „Why oder eben Why not“

Auch wenn mir im Vorhinein klar war, dass die Zeit der Yogalehrerausbildung intensiv sein würde – man steckt halt vorher nicht drin! Der Input wird von Ausbildungswochenende zu Ausbildungswochenende mehr, das Praktizieren verändert sich. Die Zeit für Eigenpraxis wird knapper, schließlich will man sich auch mit Themen wie Philosophie und Anatomie beschäftigen und eventuell stehen auch bereits die ersten Assistenzstunden an.

Wenn ich zu einer offenen Klasse gegangen bin, konnte ich gar nicht anders als zu denken „oh das war toll, das muss ich mir merken“ oder „warum packt sie das an diese Stelle des Flows?“. Irgendwann hatte ich einen Punkt erreicht wo ich gedacht habe – wow, das ist wirklich einiges. Zumal die meisten von uns die Ausbildung nebenberuflich starten. Entscheidend für mich war dabei die Rückbesinnung auf die Frage „warum hast Du die Ausbildung angefangen?”, beziehungsweise “warum machst Du die Ausbildung? “. Zum anderen fängt man automatisch an zu sortieren: „Was brauche ich und was brauche ich eben nicht“.

Für mich war entscheidend, dass ich morgens eine Eigenpraxis etabliere, die mir guttut. Zudem wollte ich zeitnah mit den Assistenzen starten, um die Scheu vor „echten Schülern“ abzulegen. Außerdem ist mir im Zuge der Yogalehrerausbildung klargeworden, dass ich mich gar nicht unbedingt in den akrobatisch anspruchsvollen Asanas weiterentwickeln will. Vielmehr soll mein Fokus auf einer achtsamen Praxis liegen. Dabei hat jeder von uns seinen ganz eigenen Yogaweg eingeschlagen und irgendwann hatte ich auch das Gefühl, dass alle viel gelassener mit dem Pensum umgehen konnten. Zumal wir in der Gruppe immer Gleichgesinnte gefunden haben und man sich somit untereinander unterstützt. Im Nachhinein sollte man einfach nie vergessen, warum man diesen Weg eingeschlagen hat und die Entwicklungen einfach genießen.

Der Platz für meine Eigenpraxis

Die Prüfung – „Was bleibt?“

Vorweg – Die Prüfung am Ende der Ausbildung ist freiwillig! Auch das kann man zweitweise aus den Augen verlieren. Die Aufregung gegen Ende der Vinyasa Yogalehrerausbildung wuchs, Lerngruppen wurden gebildet und fleißig Karteikarten geschrieben. Zugegebenermaßen ist es eine Menge Stoff, den es für die Abschlussprüfung zu lernen gilt. Allerdings habe ich es auch als großes Geschenk empfunden, noch einmal so tief in die Themen einsteigen zu dürfen. Nach einer 200 Stunden Yogalehrerausbildung sollte und kann man außerdem nicht den Anspruch haben, alle Inhalte bis ins Kleinste zu kennen. Dafür ist das Thema Yoga auch einfach zu komplex. Die Abschlussklassen zu unterrichten war eine großartige Erfahrung – endlich die Resonanz „echter Schüler“ zu erleben. Ein weiterer Meilenstein auf unserem Yogaweg.

Mein Schreibtisch während der Vinyasa Yogalehrerausbildung

Das was bleibt ist jedoch so viel mehr als die Abschlussprüfung oder ein Zertifikat!

Ich habe gedacht ich mache die Ausbildung für mich selbst und laufe am Ende auf Händen durchs Studio (siehe oben). Gelernt habe ich, dass mein Herz beim Unterrichten von Yogastunden aufgeht und ich unbedingt als Yogalehrerin aktiv werden möchte. Dabei geht es nicht darum einen Handstand zu können, sondern darum ein gesundes Körpergefühl zu entwickeln, die Grenzen des eigenen Körpers zu respektieren und zu erspüren. Yoga kann man auf so vielen Ebenen begegnen, die Yoga-Philosophie hat so viel Spannendes zu bieten – es fühlt sich so an als stünde ich gerade erst am Anfang einer tollen Reise.

Durch die Ausbildung hat sicher jeder von uns seine ganz individuellen Erfahrungen gemacht und sich selbst noch einmal besser kennengelernt! Was uns dabei eint, ist die Erkenntnis, dass Yoga so unglaublich vielseitig ist, auf so vielen Ebenen passiert und dass es unendlich viele Möglichkeiten gibt, um seinen ganz persönlichen Yogaweg zu gestalten!

Die Erfahrungen, Aha-Momente und Begegnungen der letzten sieben Monate waren einmalig und ich bin unglaublich dankbar (und ein wenig stolz) für die Entscheidung die Vinyasa Yogalehrerausbildung gemacht zu haben. Danke an alle, die ein Teil dieses Weges waren, ohne Euch wäre es einfach nicht dasselbe gewesen!