Tina von Jakubowski

Wie Sprache im Yogaunterricht wirkt

Veröffentlicht von Tina von Jakubowski | 27. Februar 2020

Ich weiß noch, wie ich das erste Mal eine Vinyasa Flow Klasse verließ. Wie in Trance ging ich aus dem Yogaraum und Geist und Körper waren vollkommen verbunden. Diesen Zustand hatte ich nur durch Zuhören und Umsetzen des Gesagten erreicht. War ich durch die Sprache im Yogaunterricht manipuliert worden? Mehrmals hatte ich in der Stunde...

Yogalehrerausbildung

Ich weiß noch, wie ich das erste Mal eine Vinyasa Flow Klasse verließ. Wie in Trance ging ich aus dem Yogaraum und Geist und Körper waren vollkommen verbunden. Diesen Zustand hatte ich nur durch Zuhören und Umsetzen des Gesagten erreicht. War ich durch die Sprache im Yogaunterricht manipuliert worden? Mehrmals hatte ich in der Stunde den Satz “wir fließen weiter” gehört. Ohne wirklich darüber nachzudenken, floss ich gefühlt anmutig weiter von Yogaposition zu Yogaposition auf der Welle der Stimme des Yogalehrers.

Die Yogasprache ist einzigartig. Wie in jedem Fachgebiet haben wir uns auch hier stillschweigend auf ein Wording geeinigt. Sanskrit, Englisch, Metaphern und Vereinfachungen von anatomischen Hinweisen sind nur einige der zu hörenden Komponenten im Yogaraum. Zudem hat jeder Yogalehrer auch noch einen eigenen Ausdruck für seine Ansagen. Genau das macht auch einen großen Teil der Individualität des Unterrichts eines jeden Lehrers aus.

Bewegungsmetaphern in der Yogasprache

In diesem Artikel möchte ich mir vor allem die Verben anschauen, die wir im Yogaunterricht einsetzen. Verben sind die Worte, die den Yogaschüler zu einer tatsächlichen Handlung bewegen. Der Ausdruck “fließ nach vorne ins Brett” (in der Regel aus dem herabschauenden Hund) impliziert zum einen, dass der Schüler sich von A nach B bewegt. Zum anderen beinhaltet das Verb auch sofort die Art und Weise wie der Yogaschüler sich bewegt, nämlich “fließend”. Dies ist eine sehr effektive Ansage, die den Einsatz von einem weiteren beschreibenden Adjektiven wie “fließ wellenförmig nach vorne ins Brett” überflüssig macht. Die Information ist – zumindest theoretisch – bereits in diesem einen Verb versteckt. Vorausgesetzt, der Yogaschüler weiß, was zu tun ist. Mit solchen Bewegungsmetaphern können wir als Yogalehrer Zeit, Worte und Stimme sparen. Ähnliche Verben sind zum Beispiel: fliegen, verneigen, zentrieren, erden und ausstrahlen.

Wie die Metapher im Gehirn wirkt

Metaphern beschäftigen Sprachwissenschaftler, Psychologen und Hirnforscher gleichermaßen. Doch bevor wir uns die Ergebnisse der Forschung für den Yogakontext aneignen, sei kurz erklärt, was eine Metapher ist. In erster Linie handelt es sich hierbei um ein Stilmittel, das ein oder mehrere Wörter aus dem eigentlichen Bedeutungszusammenhang herausnimmt und in einen anderen überträgt. Die wörtliche Übersetzung des Wortes Metapher ist “Übertragung”.

In unserem Gehirn stehen Metaphern an der Schnittstelle zwischen Wahrnehmen, Denken und Handeln. An der Universität Berlin entdeckte der Hirnforscher Pulvermüller, dass unser Gehirn zweierlei Zentren aktiviert, wenn es eine Metapher hört. Zum einen wird der präfrontale Kortex aktiviert. Er ist für die komplexe Bedeutungsverarbeitung zuständig. Außerdem wird der Motorkortex, der Bewegungen steuert, angesprochen. Hören wir im Yogaunterricht also einen Satz wie “flieg zum Anfang der Matte” (aus dem herabschauenden Hund in die Vorbeuge), dann laufen im Gehirn verschiedene Prozesse ab. Während wir motorisch einen Sprung ausführen, verarbeitet das Gehirn auch die Bedeutung des Wortes “flieg”. Für viele Menschen werden Assoziationen von Leichtigkeit, Freiheit und Weite erzeugt. Interessant wäre hier zu wissen, wie jemand mit Flugangst unterbewusst auf dieses Signal reagiert.

Metaphern für den eigenen Unterricht finden

Viele dieser Bewegungsverben sind inzwischen allgemeingebräuchlich in deutschen Yogastudios. Nicht wenige dieser metaphorischen Ausdrücke haben durch die Wortgewandtheit des Anusara Yogas Einzug in unsere Studios erhalten (das Herz öffnen/ schmelzen; Raum im Becken kreieren …).

Ich finde es wichtig, dass sich Yogalehrer bewusst darüber sind, dass sie solche Metaphern benutzen und wo ihr Ursprung liegt bzw. bei wem wir sie erstmals gehört haben. Gleichsam ist es wichtig zu beobachten, ob die Stilmittel auch wirklich beim Yogaschüler ankommen. Setzt der Schüler das Gesagte auch wirklich um, oder handelt es sich um eine Worthülse, die sich zwar schön anhört, aber nicht in den eigenen Unterricht passt?

Wer sich für den Einsatz von metaphorischer Sprache im Yogaunterricht entscheidet, kann seine eigenen Stilmittel finden. Mein Tipp ist hierfür selbst auf die Matte und ins Spüren zu gehen: Wie fühlt sich die Asana oder die Aktion in meinem Körper an? Welche Bilder kommen mir? Wie kann ich das in prägnante Worte fassen? Für mich persönlich hat die Metapher “öffne dein Herz” nicht funktioniert. Spätestens nachdem ich einen Post sah, bei dem dieser Ausdruck durch eine Operation am offenen Herzen verlacht wurde, war er für mich hinfällig. In der Praxis spürte ich, dass es sich für meinen Körper auch eher nach “erhebe dein Herz” anfühlt.

Die Balance zwischen direkter und metaphorischer Sprache

Da Metaphern verschiedene Hirnareale ansprechen, sollten wir behutsam mit ihrem Einsatz sein. Je nachdem, wie unser Gebrauch von Worten von Kindheitstagen an geprägt ist, assoziieren wir unterschiedlich. Daher ist es sinnvoll, eine Metapher langsam einzuführen und zu erläutern. Bleiben wir beim Beispiel der Rückbeuge: “erhebe dein Herz”. Kommt die erste Rückbeuge in der Klasse vor, macht es Sinn, die anatomischen Aktionen zu benennen. Beim nächsten Mal benennt man nur noch die wichtigste anatomische Aktion und nennt die Metapher mit. In der dritten Rückbeuge kann man die Metapher allein als Ansage nutzen. So definiert man seine eigene Sprache im Yogaunterricht für den Schüler verständlich und effektiv.

Fazit für den Yogaunterricht

Metaphern sind wirkungsvolle stilistische Mittel für den Yogaunterricht. Sie überzeugen nicht nur durch sprachliche Gewandtheit, sondern sie helfen den Yogaschülern auch, schneller zu lernen. Als Yogalehrer ist es immer wieder unsere Aufgabe, unsere eigenen Metaphern zu kennen und sie auf ihre Wirksamkeit im Yogaunterricht zu hinterfragen. Der bewusste Einsatz von metaphorischer Sprache kann ein schöner und kreativer Prozess in der Tätigkeit des Yogaunterrichtens sein und vielleicht erinnern sich unsere Schüler auch nach Jahren noch daran, wie wir sie erstmals haben “fließen” lassen.

Möchtest Du mehr über die Sprache im Yoga lernen?

Am 30. und 31. Mai 2020 gebe ich im Yoga Individual Studio in Aachen eine zweitägige Fortbildung zum Thema “Die Sprache der Seele”. In Theorie und Praxis werden wir hier unsere Unterrichtssprache erforschen und mehr über den Einsatz von Stimme und Sprache im Yogaunterricht lernen.

Mehr zu dieser Fortbildung findest Du hier.